Man kann Menschen nicht einfach töten. Nicht, wenn man sie als das begreift, was sie sind. Menschen wie wir, mit Eltern, vielleicht auch Kindern. Mit Hoffnungen und Ängsten, mit Höhepunkten und Niederlagen im Leben.
Deswegen geht jedem Angriff, jedem Krieg eine entscheidende Phase voraus: der Aufbau eines Feindbildes. Die eigenen Soldaten sollen glauben, dass es nicht darum geht, andere Menschen zu töten, sondern einen Feind zu besiegen, das eigene Land gegen ihn zu verteidigen – und sei es präventiv. So ist es in jedem Krieg. Oder kennt jemand ein Gegenbeispiel?
Wenn der Bundestag morgen beschließen würde, dass die Bundeswehr … Dänemark angreifen soll, dann würde wohl kein einziger Schuss fallen, weil quer über alle Ebenen, vom General bis zum Soldaten alle die Unrechtmäßigkeit sehen würden, unsere Nachbarn, mit denen wir friedlich zusammenleben, einfach anzugreifen.
Aber es gibt noch eine Steigerung für ein Feindbild. Es wird noch schlimmer, wenn man den Feind entmenschlicht. Die Worte bereiten den Weg. So war es schon vor dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, als Juden als Ratten verunglimpft wurden und alle Völker im Osten sich der vermeintlich überlegenen „Herrenrasse“ fügen sollten.
So war es auch 1994 in Ruanda, als vor allem über einen Radiosender der Hutus die Tutsi als Kakerlaken, Schlangen, Gewürm und Mosquitos bezeichnet wurde. Man kann einen Menschen nicht einfach töten, aber gegen Kakerlaken muss man sich doch wehren, oder? Und daran muss ich denken, wenn ich Mitte März lesen muss, was der Herrscher im Kreml über diejenigen Menschen in seinem Volk denkt, die so mutig waren, den überflüssigen Krieg zu kritisieren oder sich als vereinzelte Oligarchen nicht bedingungslos hinter ihn zu stellen:
„Aber jedes Volk, und erst recht das russische Volk, wird immer in der Lage sein, wahre Patrioten von Abschaum und Verrätern zu unterscheiden. […] Und es wird sie einfach ausspucken, wie eine Fliege, die ihm versehentlich in den Mund geflogen ist, einfach auf den Bürgersteig spucken. Ich bin überzeugt, dass eine solche und natürliche Selbstreinigung der Gesellschaft unser Volk nur stärken wird.“
Gruselig, oder?
Der Spruch „Das erste Opfer in jedem Krieg ist immer die Wahrheit“ bezieht sich eben gerade nicht nur darauf, gegnerische Erfolge und eigene Verluste klein zu reden oder zu verschweigen, sondern vor allem darauf, den Gegner in eine Ecke oder auf eine Stufe zu erstellen, die es den eigenen Soldaten ermöglicht, ohne Zögern den Abzug zu drücken.
Auf das russische Feindbild von der Ukraine werde ich hier nicht eingehen. Das haben wir schon oft genug gehört und wir wissen, wie wenig an jenen Unterstellungen dran ist.
Wir haben hier in den letzten Monaten schon viele Lieder gehört, die den Frieden beschwören. Die meisten davon stammen noch aus der Zeit des Kalten Krieges, wo die Angst vor einem Dritten Weltkrieg gleichzeitig permanent präsent und doch beruhigend abstrakt und fern war. Bis zum Fall der Mauer war es gar nicht so leicht, sich vom Westen aus ein reales Bild davon zu machen, wie „die da drüben“ eigentlich sind, denn man bekam meist nur das zu sehen, was die jeweilige Propaganda zeigen und vermitteln wollte.
Zwei Lieder fallen mir ein, die bewusst versuchen, dieses abstrakte Bild der anderen Seite, dieses Feindbild, ein Stück weit einzufangen und zu entkräften.
Da ist zuerst „Russians“ von Sting aus dem Jahr 1985. Eine traurige Ballade, die dem Getöse der Staatschefs auf beiden Seiten die Hoffnung entgegenstellt, dass doch die Russen – was damals vereinfachend alle Bürger der Sowjetunion meinte – doch sicherlich ihre eigenen Kinder auch lieben würden und schon deswegen gar nicht daran interessiert sein könnten, einen Atomkrieg zu beginnen.
Und dann ist da „Leningrad“ von Billy Joel, den wir gleich hören werden. Darin stellt er die Lebenswege und Erfahrungen von sich selbst und dem russischen Clown Victor gegenüber, die beide durch Kriege, heiße und kalte, geprägt sind und in der persönlichen Begegnung erkennen, wie gleich wir uns doch letztlich alle sind.
Diesen Victor gibt es übrigens tatsächlich, auch wenn Billy Joel seine Geschichte dramaturgisch etwas zugespitzt hat. Die beiden haben sich 1987 im heutigen St. Petersburg kennen gelernt, als Joel dort eines von zwei Konzerten in der Sowjetunion gab. Victor hat tatsächlich Joels Tochter zum Lachen gebracht.
Es wird die Zeit kommen, in der wir wieder gegenseitiges Vertrauen aufbauen werden. Doch solange ein Angreifer unerbittlich und brutal Angriff um Angriff fortsetzt, muss zunächst jede weitere Eroberung gestoppt werden. Dass mein Deutschland hierzu nun endlich einen spürbaren Beitrag leistet, lässt mich leise hoffen, dass die Ukraine zumindest in weiten Teilen ihre Freiheit erhalten kann und der Wiederaufbau beginnen kann.
In den kommenden Wochen und Monaten werden wir zeigen können, dass wir weiter fest an der Seite der Ukrainerinnen und Ukrainer stehen, z. B. auch dadurch, dass wir lieber über Wege zur Einsparung von Energie nachdenken als ernsthaft bei den Sanktionen wieder zurück zu rudern. Als Gewinn winken nicht nur eine freie Ukraine, sondern auch ein gestärktes, enger verbundenes Europa. Dafür lohnen sich auch vorrübergehende Beeinträchtigungen, denn die Alternative wäre eine schleichende Unterwerfung unter einen machtbesessenen Autokraten.
Vielen Dank.