Zweite Rede zur Mahnwache zum Ukrainekrieg

Warum stehen wir hier?

Wir stehen hier, weil vor über drei Monaten der russische Präsident seiner Armee den Überfall auf die Ukraine befohlen hat. Weil das ein völlig unbegründeter Angriffskrieg ist, dem schon Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind und der Millionen in die Flucht getrieben hat.

Ok. Aber warum stehen Wir. Hier.?

Wir versammeln uns hier seit dem 1. März jede Woche, um uns gemeinsam zu versichern, dass uns der Krieg in der Ukraine tief bewegt. Das wir Anteil daran nehmen, mit welch brutaler Gewalt die russische Armee versucht, die Ukraine zu vernichten. Aber da ist noch mehr. Dieser Krieg ist uns in vieler Hinsicht viel näher als die früheren russischen Militäroperationen.

Bisher konnten wir die russischen Kriege immer schön reden und bequem ausblenden:

  • Der zweite Tschetschenienkrieg von 1999 bis 2009? War formell Teil Russlands, also „nur“ ein innenpolitischer Bürgerkrieg.
  • Georgien 2008? Da hat sich der georgische Präsident Sakaschwili provozieren lassen, die prorussischen Teilrepubliken zurückerobern zu wollen und dabei auch dummerweise russische „Friedenstruppen“ angegriffen. Selber schuld.
  • Die Annexion der Krim 2014 und Unterstützung der Separatisten von Donezk und Luhansk? War nicht so brutal wie der 2022er Krieg und die Geschichte der Krim ist ja eh irgendwie kompliziert. Lieber nicht zu lange darüber nachdenken.
  • Syrien seit 2015? Hier hat der Diktator Assad um russische Unterstützung gebeten, und dass die Angriffe auch islamistische Rebellen trafen, war uns gar nicht so unrecht. Dabei gingen 80% der Angriffe gegen nicht-IS-Gebiete. Aber wir haben nicht lange über die Bombardierung der „sicheren Stadt“ Aleppo getrauert – und das, obwohl die russische Intervention die große Flucht von Millionen Menschen zusätzlich angefacht hat.

Nach all diesen Militäroperationen haben viele von uns weiter daran geglaubt (und ich nehme mich da nicht aus), wir müssten Russland wirtschaftlich einbinden, damit es sich nicht gekränkt fühlt und sich vielleicht auch dem Westen weiter annähert. Am 5. September 2015 wurden die Verträge zum Bau von Nordstream 2 unterzeichnet.

Aber damit ist nun Schluss.

Diesmal können wir nicht mehr die Augen verschließen. Wir haben verstanden, dass die Ziele des kleinen Wladimir Wladimirowitsch sich nicht mehr darauf beschränken, dem flächenmäßig größten Land der Welt einen Platz in der ersten Reihe der Militärmächte zu sichern. Dies ist ein Stellvertreterkrieg. Auf dem Territorium der Ukraine kämpft ein autokratischer Herrscher gegen Freiheit, Demokratie und Toleranz.

Der kleine Wladimir hat Angst. Angst vor einem mutigen Volk, dass es sich nicht gefallen lässt, wenn die eigene Regierung gegen die eigenen Interessen handelt. So wie es die Ukrainer beim Euromaidan taten, als ihr eigener Präsident das fertige Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Der Präsident musste flüchten, weil er sein eigenes Volk nicht unterdrücken konnte. Weil sein Volk mutig war und wusste, was es will. Das muss dem kleinen Wladimir einen riesigen Schrecken eingejagt haben. Was, wenn sich das russische Volk eines Tages gegen ihn erheben würde? Sein ganzes System würde zusammenbrechen.

Deswegen begann er einen großen Feldzug gegen alles, was nach Freiheit und Westen roch. Im eigenen Land ist ihm das weitestgehend gelungen, er hat die absolute Macht und sein Sicherheitsapparat und seine Justiz gehen massiv gegen alle Kritiker, Demonstranten und Freigeister vor.

Aber die Ukraine blieb ein Stachel in seinem Fleisch. Das eigene Brudervolk, welches den Russen zeigte, dass es auch für postsowjetische Völker einen westlichen Weg gibt.

Vor zweieinhalb Wochen fand in Turin der Eurovision Song Contest statt, und diese manchmal lächerliche, manchmal peinliche, nur gelegentlich hochwertige Veranstaltung zeigte auf ihre eigene Art Rückgrat. Russland war natürlich von der Teilnahme ausgeschlossen, dafür nahm das „Kalush Orchestra“ aus der Ukraine teil und spielte den schon etwas älteren Song „Stefania“, in dem es eigentlich um die eigene geliebte Mutter geht, dessen Text sich aber im Angesicht des Krieges auch neu interpretieren lässt. Es ist dieser Song hier:

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Ist das ein guter Song? Die Kritiker meinten, dass es immerhin für die Top 5 reicht, zusammen mit den Beiträgen aus Großbritannien, Schweden, Spanien und Griechenland. Aber dann kam das Publikums-Voting. Was von vielen vorher schon erwartet worden war: Die Menschen quer durch Europa vergaben für den fetzigen Folk-Hiphop-Song nicht nur Musik-Punkte, sondern auch ganz, ganz viele Sympathiepunkte. 439, um genau zu sein. Im Jahr zuvor hat es die Band aus Italien nur auf 318 Publikumspunkte gebracht.

Warum erzähle ich das so ausführlich? Weil dieser Song Contest eines von vielen Symbolen für unsere Freiheit, für unsere Lebensweise ist. Vielleicht ein bisschen überflüssig, aber offen für alle. Hier kann eine Conchita Wurst genauso gewinnen wie Schock-Rocker aus Finnland oder ein leises Liebeslied wie Lenas „Satellite“ am Tag meiner Hochzeit. Der ESC ist bunt und frei, eine fröhliche Party für alle. So vielfältig wie Europa eben ist. Das muss man nicht mögen, aber dann schaltet man eben einen anderen Sender ein.

Wenn man sich das Herumgeeier einer FIFA oder eines IOC im Umgang mit Diktaturen ansieht, dann ist mir die Spaßparade mit Herzen für die Ukraine tausendmal lieber als Winterspiele 2014 in Sotschi oder eine Fußball-WM 2018 in Russland.

Würde es Putin gelingen, die Ukraine zu erobern, so wäre seine Gier damit nicht gestillt. Er würde weiter daran arbeiten, unsere Lebensweise anzugreifen, mit Propaganda und vielleicht auch mit Waffen.

Das haben wir verstanden. Das wollen wir nicht. Nicht für uns, und nicht für die tapferen Ukrainerinnen und Ukrainer. Lasst uns diesen Menschen helfen, mit Spenden gleich hier und heute, mit Unterstützung für die hier her geflohenen und, ja, auch mit Waffen für die ukrainische Armee, denn die Freiheit Deutschlands wird in diesem Jahr nicht mehr am Hindukusch verteidigt, sondern im Donbass.

Dieser Krieg wird wohl nicht in einer Woche oder einem Monat zu Ende sein. Machen auch wir weiter, treffen wir uns wieder hier am nächsten Mittwoch.