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Mahnwache gehen der Krieg in der Ukraine

Die erste Mahnwache auf dem Riedbergplatz.

Seit dem 1. März gibt es jede Woche eine Mahnwache gegen den Krieg und für die Freiheit der Ukraine auf dem Riedbergplatz. Dazu rufen der Ortsbeirat Kalbach-Riedberg, die örtlichen Vereine und die Kirchengemeinden gemeinsam auf. Es ist die Gelegenheit für uns, uns über den Krieg auszutauschen, Verbundenheit mit den Menschen in der Ukraine und auf der Flucht zu zeigen und ganz konkret Spenden für weitere Krankenwagen für die Kriegsgebiete zu sammeln.

Jeden Mittwoch, 19:00, Riedbergplatz

Der mittlerweile übliche Ablauf sieht eine kurze Rede vor, die von wechselnden Vertreter:innen des Ortsbeirats gehalten wird, musikalische Begleitung und eine Ansprache einer der örtlichen Kirchengemeinden.

Am 13.4. durfte ich einige Worte zum Stand dieses unnötigen, brutalen Krieges sagen. Hier die komplette Rede:

Warum stehen wir hier?

Wir stehen hier, weil vor sieben Wochen der russische Präsident seiner Armee den Überfall auf die Ukraine befohlen hat. Weil das ein völlig unbegründeter Angriffskrieg ist, dem schon Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind und der Millionen in die Flucht getrieben hat.

Ok. Aber warum stehen Wir. Hier.?

Was bringt es, wenn wir hier sind, die Fahne der Ukraine hochhalten, Kerzen anzünden, Lieder singen?
Ob wir nun 20, 200 oder 2000 sind, den Herrscher im Kreml wird das sicher nicht beeindrucken.

Unsere westliche Welt war beim Angriff auf Georgien ratlos.
Bei der Rettung des Assad-Regimes haben wir nur unsicher mit den Füßen gescharrt - trotz des Einsatzes von Chemie-Waffen, Streubomben und der Bombardierung von Flüchtlingslagern.
Als er die Krim im Handstreich annektierte und die Separatisten in der Ostukraine militärisch, logistisch, finanziell und propagandistisch unterstützte - da haben wir betreten zur Seite geschaut und gemurmelt: „Tja, schlimm, was soll man schon machen.“
Ich auch.
Von Tschetschenien ganz zu schweigen.

Rede am 13.4.2022

Doch nun wurde eine rote Linie überschritten. Zum ersten Mal haben wir alle merken müssen, dass der autokratische Herrscher in Moskau auch uns bedroht, unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere Art, zu leben. Das Fass war voll, und nun ist es übergelaufen.

Wir stehen vereint hinter der Ukraine. Mit einem Mal ist uns allen klar geworden: Das muss aufhören.
Wir können nicht zulassen, dass das Recht des Stärkeren wieder die Oberhand gewinnt. Regierungen, Medien und wir alle hier - die Menschen stehen vereint und haben verstanden: Mit diesem russischen Präsidenten kann es keine Versöhnung mehr geben, keine Deals, keine Verträge, keine geregelten Beziehungen.

Das Alles wäre aber nutzlos ohne die vielleicht größte Überraschung: Den unfassbar tapferen und äußerst effizienten Widerstand der Menschen in der Ukraine selbst. Sie sind es, die sich den Panzern in den Weg stellen, die Truppenbewegungen auskundschaften, die Infrastruktur immer wieder reparieren und in Schuss halten. Sie sind es, die in Angst und Schrecken versetzt werden, aber nicht aufgeben. Nach Zahl der Panzer, Flugzeuge und Raketen ist die ukrainische Armee unterlegen. Aber sie macht das mehr als wett mit der Kenntnis der Gegend, der Unterstützung der dort verbliebenen Bevölkerung, genialen Tricks und Fallen und einem ganz starken Glauben, dass sie es schaffen können, es schaffen müssen, die Freiheit ihres Landes zu bewahren. Ihre Hauptstadt Kiev haben sie weitgehend beschützen können, und nach dem Rückzug sehen wir nun, wie grausam, wie brutal die russische Armee vorgegangen ist.

Wir stehen hier, weil wir Teil einer sehr, sehr großen Gemeinschaft sind. Weil wir dies uns und allen die uns sehen können, zeigen wollen. Wir helfen. Wir unterstützen. Wir spenden. Wir tauschen uns untereinander aus.

Dieses Wir ist groß und umfasst so viele Menschen. Die Polen, die die allermeisten Flüchtlinge in ihrem Land aufgenommen haben, ohne Zögern, ohne Wenn und Aber. Oder Menschen hier in unserem Stadtteil, die in der Flüchtlingsunterkunft helfen. Die Spendengüter sammeln und verteilen. Die vielleicht sogar selber Flüchtlinge in ihren Häusern aufgenommen haben. Unsere russischen oder russischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürger schließt das mit ein. Nachbarn von mir nutzen ihre Sprachkenntnisse, um geflüchteten Familien zu helfen. Wenn ich mit ihnen spreche, höre ich oft von familiären Bindungen auf beide Seiten der Grenze. Es gibt viele Familien, bei denen ein Teil in Russland und ein Teil in der Ukraine lebt.

Das hat noch nicht jeder verstanden. Am vergangenen Sonntag demonstrierten einige hundert Menschen hier in Frankfurt für Russland. Die Ankündigung las sich noch harmlos, denn es sollte ja gegen die Diskriminierung russischstämmiger Menschen in Deutschland gehen. Das Anliegen teile ich, denn die russischen Menschen hier können meist gar nichts für das, was der Menschenfeind im Kreml so beschließt.

Aber wenn es eine Demonstration für den Frieden war - warum hat man dann keine Friedenstauben gesehen, keine ukrainischen Fahnen neben den vielen, vielen russischen, sowjetischen, ja so gar zaristischen Fahnen?
Solche Demonstrationen führen am ehesten dazu, genau das herbeizuführen, wogegen man angeblich ist.
Aber wir sind stark. Wir lassen uns nicht spalten, sondern helfen weiter, so gut wir können.

In vielen Häusern werden nun Gespräche geführt, die wir uns letztes Jahr kaum hätten vorstellen können. „Papa, kommt der Krieg auch zu uns?“ Das kann ich zwar noch aus eigener Überzeugung verneinen, aber der Krieg ist uns schon viel näher als irgendwann sonst in den letzten Jahrzehnten. Ein Nachbar von mir ist Ukrainer. Seine Familie ist hier in Sicherheit. Er hat sich entschlossen, selber für die Freiheit seiner Heimat zu kämpfen, ist von Frankfurt in die Ukraine gereist und hat sich der Armee angeschlossen.

Hätte ich das auch getan? Hätte ich den Mut dazu? So etwas kann niemand von uns wissen.

Wie wird der Krieg ausgehen? Wann wird er enden? Auch das wissen wir nicht. Aber wir kennen jetzt schon sehr, sehr viele Verlierer dieses Krieges. Die Menschen, die in der Ukraine starben und noch sterben werden. Nicht nur Soldaten, sondern vor allem auch Zivilisten. Mütter. Großeltern. Kinder. Sogar KZ-Überlebende. Auch russische Wehrpflichtige, die losgeschickt wurden, das eigene Brudervolk zu überfallen. Viele, viele weitere Menschen sind obdachlos geworden, sind auf der Flucht. Die eigene Heimat zu verlieren kann einen Menschen sein Leben lang belasten. Während wir hier stehen, sterben nur 1700 km weiter östlich Menschen, verlieren ihr Heim vielleicht für immer, erleiden seelische Verletzungen, an denen sie lange werden tragen müssen.

Ich sprach gestern mit einer Freundin in Moskau. Sie selbst ist gut informiert und besorgt, aber ohmächtig, weil schon kleinste Demonstrationen sofort zu Verhaftungen führen. Am Kiewer Kriegerdenkmal stehenbleiben mit „Krieg und Frieden“ in der Hand? Verhaftung.
Aber sie erlebt viele Menschen, die den russischen Medien glauben und die Wahrheit nicht sehen können und auch nicht sehen wollen. Sie glauben immer noch, dass nur der Präsident sie vor einem Rückfall in die chaotischen Neunziger bewahrt. Diesen Glauben mit allen Mittel zu bestärken ist ein Verrat des Präsidenten an seinem eigenen Volk.

Die mit großem Abstand größten Opfer tragen in diesem Krieg zweifellos die Menschen in der Ukraine, ob sie nun dort ausharren und kämpfen oder fliehen mussten. Zu leiden haben unter diesem Krieg aber auch die Menschen in Russland, denn sie werden zu Komplizen eines verbrecherischen Regimes, dass auch sie selbst unterdrückt. In einigen Jahren werden sich viele dort fragen müssen, ob sie nicht auch mehr hätten tun können, tun müssen. In Deutschland haben wir lernen müssen, mit der eigenen Verantwortung umzugehen. Das russische Volk wird dies eines Tages auch tun müssen.

...

Ich sprach von der großen Gemeinschaft von Menschen, die spüren, dass wir jetzt alle zusammen stehen müssen um der Ukraine zu helfen. Zu dieser Gemeinschaft gehört auch der Ukrainische Musiker Andrij Khlyvnyuk und ... Pink Floyd. Khlynyuk hat seine US-Tournee abgebrochen und ist nach Hause gereist um mitzukämpfen. Sein Lied vom roten Schneeballstrauch, der umgeknickt wurde und dem wir helfen müssen, sich wieder aufzurichten, wird von neuer Musik von Pink Floyd untermalt. Die Alt-Musiker aus England tun so etwas schon lange nicht mehr, sie haben nicht gegen Trump oder den Klimawandel musiziert, doch nun helfen sie einem ukrainischen Musiker auf ihre Weise.

Der Text ist schlicht: „Auf der Weide liegt ein roter Schneeballbusch darnieder. Aus irgendeinem Grund wird unsere glorreiche Ukraine so bedrängt. Doch wir nehmen diesen roten Strauch und richten ihn auf. Und wir, unsere glorreiche Ukraine, hey hey, soll auferstehen und frohlocken.“

Der Krieg wird wohl nicht in einer Woche zu Ende sein. Machen auch wir weiter, treffen wir uns wieder hier.

rb


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